Türklingel smart machen, ohne die Nachbarn zu stören (Siedle + ESPHome)

Türklingel smart machen, ohne die Nachbarn zu stören (Siedle + ESPHome)

Wie ich meine alte Siedle-Türsprechanlage (HTS 811-0, 1+n) mit ESP8266 und ESPHome komplett lokal in Home Assistant eingebunden habe – ohne Bus-Reverse-Engineering und ohne die Anlage der Nachbarn zu stören.

Meine Türklingel ist ein ganz normales, altes Siedle-Haustelefon. Kein WLAN, keine App, keine Cloud. Und trotzdem schickt sie mir aufs Handy, wenn jemand klingelt – und ich kann die Tür aus Home Assistant heraus öffnen. Das Besondere: An dieser Anlage hängen nicht nur ich, sondern auch vier Nachbarwohnungen im Mehrfamilienhaus. Ein falscher Handgriff, und ich lege die Sprechanlage im ganzen Haus lahm. Genau deshalb zeige ich dir hier den Weg, mit dem du jede Türklingel smart machst, ohne deine Nachbarn zu stören – und der Trick ist einfacher, als du vielleicht denkst.

Geöffnetes Siedle-Haustelefon mit der zusätzlichen Elektronik links, die Original-Platine bleibt rechts unangetastet

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Sicherheitshinweis: Eingriffe an einer Türsprechanlage erfolgen auf eigene Gefahr. An den Klemmen liegen Gleich- und Wechselspannungen an – arbeite nur spannungsfrei, miss deine eigenen Werte nach und belaste die Busleitung nicht direkt. In Mehrparteienhäusern kann ein Fehler die Anlage aller Nachbarn stören – deshalb ist die galvanische Trennung per Optokoppler hier kein Nice-to-have, sondern Pflicht.

Warum nicht einfach eine fertige Lösung?

Grob jede zweite Klingel- und Sprechanlage in Deutschland kommt von Siedle – die Chance ist also groß, dass du selbst so eine hast. Und wenn nicht, lässt sich das Prinzip trotzdem übertragen. Natürlich gibt es auch Lösungen von der Stange: Der Nuki Opener zum Beispiel klemmt man parallel an die Anlage, dann kann er die Tür öffnen. Dafür bindet man sich an das Nuki- und App-Ökosystem, braucht eine extra Batterie und muss rund 100 € investieren. Oder die offizielle Lösung speziell für Siedle, das Siedle IQ HTS – das ersetzt das Haustelefon komplett und hängt an der Siedle-App. Ein teurer Komplett-Tausch, und man ist in der Hersteller-Cloud gefangen.

Beides funktioniert. Beides bedeutet aber: Abhängigkeit vom Hersteller, eine laufende Cloud, und man gibt Kontrolle aus der Hand. Ich wollte das Gegenteil – eine robuste, lokale Lösung, die auch in zehn Jahren noch läuft, ohne dass irgendein Anbieter den Stecker ziehen kann. Also habe ich sie mir selbst gebaut.

Das Prinzip in einem Satz

Und hier kommt der wichtigste Satz des ganzen Projekts: Du musst die Anlage nicht komplett verstehen – und schon gar nicht das Bus-Protokoll nachbauen. Du musst nur zwei Dinge tun: das richtige Signal finden und die vorhandenen Knöpfe elektronisch „drücken".

  • Lesen (Eingänge): Klingelt es an der Haustür? Klingelt es an der Wohnungstür?
  • Steuern (Ausgänge): alles, was man auch direkt am Gerät bedienen kann – bei mir der Türöffner und das Licht im Treppenhaus.

Mehr Magie steckt nicht dahinter. Wie das Klingelsignal technisch genau aussieht, ist von Anlage zu Anlage verschieden – aber das Vorgehen bleibt gleich. Ich zeige es dir konkret am Beispiel meiner Siedle-Anlage (Haustelefon HTS 811-0, 1+n-Technik).

Prinzipskizze: zwei Eingänge lesen, zwei Ausgänge schalten – ESP zentral über Optokoppler und Transistoren angebunden

Klingelerkennung: der Spannungs-Trick

Wie erkennt der ESP, dass es klingelt? Über die Spannung auf der Leitung. Im Ruhezustand liegen bei meiner Anlage um die 18 Volt an. Klingelt es an der Haustür, springt die Spannung kurz auf 24 Volt hoch, der Klingelton läuft, und sie fällt auf etwa 15 Volt. Genau diesen Sprung erkennt die Schaltung.

Spannungsverlauf beim Klingeln: stabile Ruhespannung, kurzer Peak, Absenkung während des Ruftons

Diese konkreten Werte habe ich selbst an meiner Anlage nachgemessen – bei einer anderen 1+n-Installation können die absoluten Werte abweichen, je nach Netzteil-Typ, Kabellänge, Anzahl der Teilnehmer oder Baujahr. Das grundsätzliche Verhalten aber – stabile Ruhespannung, kurzer Peak beim Klingeln, Absenkung während des Ruftons – ist laut Siedle-Systemhandbuch charakteristisch für die ganze 1+n-Reihe und gilt damit für alle Siedle-Geräte mit dieser Technik. Mehr dazu in einem ausführlichen Thread auf mikrocontroller.net und im Siedle-Systemhandbuch.

Der Trick in der Schaltung: eine Zener-Diode vor dem Optokoppler. Sie sorgt dafür, dass im Ruhezustand nichts durchkommt – erst beim Klingel-Peak schaltet der Optokoppler durch, und der ESP weiß: es klingelt. Ich unterscheide dabei sogar zwei Klingeln: die Haustür und die Wohnungstür direkt vor der Tür, den sogenannten Etagenruf. Der läuft über eine eigene Klemme mit Wechselspannung, dafür gibt es einen zweiten Optokoppler.

Türöffnen: Knopf drücken statt Protokoll nachbauen

Jetzt wird’s richtig interessant. Bei Siedles 1+n-Verfahren wird „Tür auf" nämlich nicht digital übertragen, sondern als Tonfrequenz – ein Pfeifton um die 20 Kilohertz, der auf die Leitung aufmoduliert wird. Die Außenstation an der Haustür hört mit, erkennt genau diese Frequenz mit einem Filter und schaltet dann den Türsummer. Die Lichttaste macht dasselbe, nur mit einer anderen Frequenz.

Prinzip des Türöffnens: der ESP drückt die vorhandene Taste, das Telefon erzeugt selbst den Tonfrequenz-Pfeifton

Ich könnte jetzt versuchen, diese Frequenz selbst nachzubauen und einzuspeisen. Aber das macht die Sache nur unnötig komplex, und ich riskiere wieder, die gesamte Anlage zu stören. Also mache ich es andersherum – und das ist der eigentliche Clou: Ich drücke einfach die vorhandene Türöffner-Taste mit meinem ESP. Der schließt für einen kurzen Moment die Kontakte der Taste – wie ein zusätzlicher Finger. Den Pfeifton auf der Leitung erzeugt dann das Telefon ganz von selbst. Ich muss die Frequenz nicht verstehen, ich drücke nur den Knopf. Und das funktioniert seit Monaten zuverlässig, auch bei aufgelegtem Hörer.

Damit ich die Tasten beim Löten nicht beschädige, greife ich das Signal gar nicht direkt an den Tasten ab, sondern an zwei Prüfpunkten auf der Platinenrückseite, die ich vorher mit dem Multimeter gefunden habe – sie sind 1:1 mit den Tasten durchverbunden.

Rückseite der Original-Platine mit den beiden markierten Prüfpunkten, die 1:1 mit den Tasten durchverbunden sind

Die Hardware: übersichtlich und günstig

Die Hardware ist überschaubar: ein ESP8266 NodeMCU als Mikrocontroller mit WLAN, ein LM2596 Step-Down-Wandler, der aus der Anlagenspannung die Versorgung für den ESP macht – kein extra Netzteil nötig. Dazu die Koppelstufe: Optokoppler mit Vorwiderständen und Zener-Diode für die beiden Klingel-Eingänge, plus zwei Transistoren für die Ausgänge Türöffner und Licht. Alles auf einer kleinen Lochrasterplatine, die problemlos im Gehäuse des Haustelefons Platz findet – die Original-Platine bleibt nahezu unangetastet daneben liegen.

Nahaufnahme des Controller-Boards: ESP8266 NodeMCU, LM2596-Step-Down-Wandler und die Optokoppler-Koppelstufe

Versorgt wird die ganze Anlage zentral aus einem Siedle-Netzgleichrichter unten im Keller – der liefert rund 23 Volt für den Bus und 12 Volt für den Türsummer. Da zapfe ich nur ein paar Milliampere für den ESP ab, das stört den Betrieb der Geräte in den anderen Wohnungen nicht.

Siedle-Netzgleichrichter im Keller – zentrale Stromversorgung für die gesamte Anlage aller fünf Wohnungen

ESPHome: drei Details, die im Alltag entscheiden

Die Software ist ESPHome – zwei binary_sensor für die Klingeln, zwei switch für Türöffner und Licht. Klingt nach zwanzig Zeilen YAML, ist es auch. Aber drei Details entscheiden, ob das Ding im Alltag zuverlässig läuft:

  1. inverted – der Optokoppler zieht den Pin gegen Masse, aktiv ist also low, nicht high. Statt das in Hardware zu ändern, reicht eine Zeile YAML. Dazu ein delay_on als Entprellung, damit ein Schaltfunke auf der Leitung keine Geisterklingel auslöst.
  2. Der 500-ms-Puls – der Türöffner ist kein Dauerschalter, sondern ein Switch, der sich selbst wieder ausschaltet. Kein Schönheitsdetail: Bricht mitten im Schaltvorgang das WLAN weg, bliebe er sonst dauerhaft an, und das Haus stünde offen. Der ESP zählt die halbe Sekunde selbst herunter, ganz ohne Netzwerk.
  3. restore_mode + Pin-Wahlrestore_mode steht auf „immer aus", damit der ESP nach einem Stromausfall nicht den letzten Zustand wiederherstellt und ungewollt die Tür öffnet. Und Türöffner sowie Licht liegen auf D1 und D2 – beim ESP8266 die Pins, die beim Booten garantiert nichts machen. Auf ein paar anderen Pins wackelt es im Startmoment, und dann summt bei jedem Neustart kurz die Tür.

Eine Sache würde ich heute anders machen: Meine Klingel hängt auf D4, und D4 ist ebenfalls ein Sonderpin, der beim Booten high sein muss. Als Eingang läuft das seit Monaten problemlos – aber würde es exakt in der Sekunde klingeln, in der der ESP neu startet, würde er nicht booten. Passiert in der Praxis so gut wie nie, umlöten werde ich es nicht mehr – wenn du das nachbaust, nimm für die Klingel lieber D5 oder D6.

Der Lohn: vier Entities in Home Assistant

In Home Assistant habe ich jetzt vier Entities: Klingel Tür, Klingel Wohnung, Türöffner und Licht. Daraus baue ich mir, was ich will – zum Beispiel eine Push-Benachrichtigung aufs Handy, wenn es klingelt, manuelles Öffnen der Tür per Dashboard oder Sprachbefehl, oder automatisches Türöffnen, wenn der Besucher das geheime Klingelsignal kennt und im richtigen Rhythmus klingelt.

Fazit: eine Frage der Verhältnismäßigkeit

Vergleichstabelle: DIY-Lösung vs. Nuki Opener vs. Siedle IQ HTS

Fertiglösungen wie der Nuki Opener oder das Siedle IQ HTS sind nicht schlecht – sie sind nur eine andere Antwort auf eine andere Priorität: Komfort und Herstellersupport gegen Geld und ein Stück Kontrolle. Mein Ansatz ist bewusst minimalinvasiv: kein Bus-Reverse-Engineering, keine Cloud, kein Eingriff, der andere Wohnungen im Haus gefährden könnte. Nur zwei Signale erkennen und zwei Knöpfe elektronisch drücken – galvanisch getrennt, reversibel, und für unter 20 € Materialkosten.

GitHub-Repo

Meine komplette ESPHome-Config, die Doku, der Spannungsverlauf, das Schaltbild und die beschrifteten Fotos meiner Anlage liegen im GitHub-Repo:

➡️ github.com/jowi24/siedle-hts-811-esphome

Wer auch eine Siedle-1+n-Anlage hat, kann direkt loslegen. Wer eine andere Anlage hat: Nimm es als Ausgangspunkt für deine eigene Lösung – die Tricks aus diesem Artikel helfen dir sicher weiter.

Jetzt bist du dran

Ist deine Türklingel schon smart? Hast du dir selbst etwas gebaut, oder baust du meinen Ansatz gerade nach – egal ob mit Siedle oder einer anderen Anlage? Schreib mir gerne in die Kommentare, wie du das Ganze noch erweitern würdest und welche Automationen du mit deiner Türsprechanlage nutzt. Verbesserungsvorschläge und Pull Requests fürs Repo sind jederzeit willkommen.

Erstellt mit Hugo
Theme Stack gestaltet von Jimmy
Build: 2026-08-21 14:30 UTC